![]() |
Quotes | |||||||
|
Les Souffrances du Jeune Werther (Goethe, Johann Wolfang von)Und ich habe, mein Lieber, wieder bei diesem kleinen Geschäft gefunden, dass Missverständisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen, als List und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltener. Dass die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgelahrte Schul- und Hofmeister einig : dass aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem Erdboden herumtaumeln und, wie jene, nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, ebenso wenig nach wahren Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen und Birkenreifer regiert werden, dass will niemand gern glauben, und mich dünkt, man kann es mit Händen greifen. Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wenn ich die Einschränkung ansehe, in welcher die thätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind ; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existens zu verlängern, und dann, dass alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur eine träumende Resignation ist, da man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemalt - das alles, Wilhelm, macht mich stumm. [...] und seit der Zeit können Sonne, Mond und Sterne geruhig ihre Wirthschaft treiben, ich weiss weder dass Tag, noch dass Nacht ist, und die ganze Welt verliert sich um mich her. O, es ist mit der Ferne, wie mit der Zukunft ! Ein grosses, dämmerndes Ganzes ruht vor unserer Seele ; unsere Empfindung verschwimmt darin, wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach ! unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, grossen, herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen. - Und, ach ! wenn wir hinzueilen, wenn das Dort nun hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armuth, in unserer Eingeschränktheit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale. Guter Gott von deinem Himmel ! alte Kinder siehst du, und junge Kinder, und nichts weiter ; und an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon lange verkündigt. Dass ihr Menschen, rief ich aus, um von einer Sache zu reden, gleich sprechen müsst : Das ist thöricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös ! Und was will das alles heissen ? Habt ihr deswegen die inneren Verhältnisse einer Handlung erforscht ? wisst ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen musste ? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit euren Urtheilen sein. [...] denn ich habe in meinem Masse begreifen lernen, wie man alle ausserordentlichen Menschen, die etwas Grosses, etwas Unmöglichscheinendes wirkten, von jeher für Trunkene und Wahnsinnige ausschreien musste. [...] denn nur insofern wir mitempfinden, haben wir Ehre von einer Sache zu reden. Gewiss, weil wir doch einmal so gemacht sind, dass wir alles mit uns und uns mit allem vergleichen, so liegt Glück oder Glend in den Gegenständen, womit wir uns zusammenhalten, und da ist nichts gefährlicher, als die Einsamkeit. Unsere Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen sich zu erheben, durch die phantastischen bilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen hinauf, wo wir das unterste sind, und alles ausser uns herrlicher erscheint, jeder andere vollkommener ist. Guter Gott, der du mir das alles schenktest, warum hieltest du nicht die Hälfte zurück, und gabst mir Selbstvertrauen und Genügsamkeit ! [...] doch, sagte er, man muss sich darein resigniren, wie ein Reisender, der über ein Berg muss ; freilich wäre der Berg nicht da, so wäre der Weg viel bequemer und kürzer ; er ist nun aber da, und man soll hinüber ! Sieh, ich kann das Menschengeschlecht nicht begreifen, das so wenig Sinn hat, um sich so platt zu prostituiren. Des Abends nehme ich mir vor, den Sonnenaufgang zu geniessen, und komme nicht aus dem Bette ; am Tage hoffe ich, mich des Mondscheins zu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiss nicht recht, warum ich aufstehe, warum ich schlafen gehe. Der Mensch braucht nur wenige Erdschollen, um drauf zu geniessen, weniger, um drunter zu ruhen. Mir ist es, wie es einem Geiste sein müsste, der in das ausgebrannte, zerstörte Schloss zurückkehrte, das er als blühender Fürst einst gebaut, und, mit allen Gaben der Herrlichkeit ausgestattet, sterbend seinem geliebten Sohne hoffnungsvoll hinterlassen hatte. Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter. Einen neuen Freund ! sagte sie, und lockte ihn auf ihre Hand ; er ist meinen Kleinen zugedacht. Er thut gar zu lieb ! Sehen Sie ihn ! Wenn ich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flügeln, und pickt so artig. Er küsst mich auch, sehen Sie ! O ! so vergänglich ist der Mensch, dass er auch da, wo er seines Daseins eigentliche Gewissheit hat, da, wo er den einzigen wahren Eindruck seiner Gegenwart macht, in dem Undenken, in der Seele seiner Lieben, dass er auch da verlöschen, verschwinden muss, und das so bald ! Und dass das nun die Eigenschaft unseres Geistes ist, da Verwirrung und Finsternis zu ahnen, wovon wir nichts Bestimmtes wiffen ! |
|||||||
| Copyright © 1999-2006 Erik Bruchez. All rights reserved. You are currently not logged in. Login. Powered by PresentationServer |
||||||||